Warum MVZ jetzt handeln müssen – und was der TI-Messenger damit zu tun hat
Mehr als 5.085 Medizinische Versorgungszentren gibt es in Deutschland – Tendenz stark steigend. Allein 2025 wurden über 42 % mehr MVZ neu gegründet als im Vorjahr. Gleichzeitig wächst der Anteil angestellter Ärzte: Über 93 % der rund 31.000 in MVZ tätigen Ärzte arbeiten in einem Angestelltenverhältnis. Diese jüngere Ärztegeneration erwartet digitale Kommunikationstools – und sie hat wenig Toleranz für Telefonwarteschleifen, Faxgeräte und WhatsApp-Gruppen, die eigentlich niemand nutzen dürfte.
Gleichzeitig hat der Gesetzgeber im Dezember 2025 die NIS-2-Richtlinie in deutsches Recht umgesetzt. Für MVZ ab 50 Mitarbeitern oder einem Jahresumsatz über 10 Mio. € bedeutet das: Die Geschäftsführung haftet persönlich für die Einhaltung von Cybersicherheitsanforderungen – darunter explizit die sichere Kommunikation. Wer weiterhin WhatsApp für die Abstimmung zwischen Standorten oder Fachrichtungen nutzt, trägt dieses Risiko bewusst.
Der TI-Messenger adressiert genau diesen Punkt: Er ist der einzige Kommunikationskanal im deutschen Gesundheitswesen, der von der gematik spezifiziert, vom BSI geprüft und für den Austausch sensibler Patientendaten zugelassen ist – einrichtungsintern wie sektorenübergreifend.
Was ist der TI-Messenger – und was unterscheidet ihn von anderen Lösungen?
Der TI-Messenger ist ein von der gematik spezifizierter Instant-Messaging-Dienst für das deutsche Gesundheitswesen. Er basiert auf dem offenen Matrix-Protokoll, ist Ende-zu-Ende-verschlüsselt und in die Telematikinfrastruktur (TI) eingebunden. Das bedeutet: Jede Einrichtung, die über eine SMC-B-Karte verfügt, kann den TI-Messenger nutzen und ist über den bundesweiten Verzeichnisdienst (VZD) für andere Leistungserbringer auffindbar – unabhängig davon, welchen Anbieter sie verwenden.
Dieser letzte Punkt ist entscheidend: Interoperabilität ist kein Feature, sondern eine Grundvoraussetzung der gematik-Spezifikation. Ein MVZ, das Famedly nutzt, kann problemlos mit einer Apotheke kommunizieren, die einen anderen zugelassenen TI-Messenger einsetzt. Das unterscheidet den TI-Messenger grundlegend von Lösungen wie Siilo, Teams oder Threema – die mögen sicher sein, ermöglichen aber keine sektorenübergreifende Vernetzung über Anbietergrenzen hinweg.
Die spezifischen Kommunikationsherausforderungen im MVZ
Standard-Content zum TI-Messenger adressiert meist Einzelpraxen oder Kliniken. MVZ sind strukturell komplexer – und diese Komplexität erzeugt spezifische Kommunikationsprobleme, die weder Fax noch WhatsApp lösen können.
Multi-Standort-Betrieb ohne gemeinsame Kommunikationsinfrastruktur
Viele MVZ betreiben neben einem Hauptstandort mehrere Satellitenpraxen. Die Koordination zwischen diesen Standorten läuft in der Praxis häufig über Telefon – mit allem, was dazugehört: Warteschleifen, verpasste Anrufe, keine Dokumentation. Ein MVZ mit sechs Ärzten und zwölf MFA, das täglich 30 Minuten pro Arzt in solchen Telefonschleifen verliert, summiert das auf über 660 Arztstunden im Jahr. Der TI-Messenger ersetzt diese Schleifen durch asynchrone, dokumentierte Nachrichten – die Antwort kommt, wenn der Empfänger verfügbar ist, nicht wenn gerade jemand am Telefon wartet.
Fachübergreifende Abstimmung ohne Medienbruch
MVZ sind per Definition fachübergreifend. Die häufigsten Fachgruppen sind Hausärzte und Chirurgen/Orthopäden – aber auch Internisten, Radiologen und Labormediziner arbeiten in vielen MVZ unter einem Dach. Wenn der Hausarzt eine Rückfrage an den Internisten hat, ist der direkte Weg heute oft ein Anruf, ein Zettel oder – trotz allem Wissen um die Rechtslage – eine WhatsApp-Nachricht. Der TI-Messenger schafft einen dokumentierten, DSGVO-konformen Kanal für genau diese Abstimmungen.
Die Krankenhaus-MVZ-Schnittstelle
Fast die Hälfte aller MVZ in Deutschland befindet sich in Krankenhausträgerschaft. Die Kommunikation zwischen dem stationären und dem ambulanten Bereich desselben Trägers ist ein kritischer Prozess – Einweisungsmanagement, Befundübermittlung, Entlassmanagement. Heute läuft das über Fax, Telefon oder KIM. Der TI-Messenger ermöglicht hier eine direkte, sichere Echtzeit-Kommunikation zwischen MVZ und Trägerkrankenhaus – ohne Medienbruch, ohne Warteschleifen, mit vollständiger Dokumentation.
TI-Messenger im MVZ-Alltag: Vier konkrete Szenarien
Abstrakte Vorteile überzeugen Entscheidungsträger selten. Deshalb hier vier Szenarien aus dem MVZ-Alltag – strukturiert nach dem Prinzip Problem, Lösung, Ergebnis.
Szenario 1: Internist und Hausarzt im selben MVZ – Befundrückfrage
Problem: Der Hausarzt hat einen Laborwert, der ihn beunruhigt. Er braucht eine schnelle Einschätzung des Internisten im Nachbarraum – der ist aber gerade in einer Konsultation.
Lösung: Nachricht mit Laborbefund-Foto über den TI-Messenger, der Internist antwortet zwischen zwei Terminen.
Ergebnis: Keine Unterbrechung der laufenden Konsultation, keine Zettelwirtschaft, die Rückfrage ist dokumentiert und dem Patientenfall zuordenbar.
Szenario 2: Zwei MVZ-Standorte – Patientenkoordination
Problem: Patientin aus der Satellitenpraxis soll zur Weiterbehandlung in den Hauptstandort. Die MFA an Standort A versucht, die MFA an Standort B telefonisch zu erreichen – besetzt, Rückruf, wieder besetzt.
Lösung: Direkte Nachricht im TI-Messenger an den Standort-Gruppenraum, inklusive relevanter Patienteninformationen.
Ergebnis: Koordination in unter zwei Minuten, keine verpassten Anrufe, kein Informationsverlust.
Szenario 3: MVZ und Trägerkrankenhaus – Einweisungsmanagement
Problem: Arzt im MVZ möchte einen Patienten ins Trägerkrankenhaus einweisen und braucht vorab eine Rückmeldung, ob ein Bett verfügbar ist und welche Unterlagen benötigt werden.
Lösung: Direkte Anfrage über den TI-Messenger an das Funktionspostfach „Aufnahme" des Krankenhauses, Vorabübermittlung relevanter Dokumente.
Ergebnis: Einweisungsprozess wird von Stunden auf Minuten verkürzt, Patient erhält schneller Klarheit, Dokumentation ist lückenlos.
Szenario 4: MVZ und externe Apotheke – Medikationsklärung
Problem: Apotheke stellt Unstimmigkeit zwischen Rezept und Medikationsplan fest und braucht eine schnelle Rückmeldung des verordnenden Arztes.
Lösung: Direkte Nachricht über den TI-Messenger – die Apotheke findet das MVZ über den gematik-Verzeichnisdienst, ohne Telefonnummer oder E-Mail-Adresse zu kennen.
Ergebnis: Medikationsfehler wird verhindert, Klärung dauert Minuten statt Stunden, keine Unterbrechung des Praxisbetriebs durch eingehende Anrufe.
NIS-2 und die persönliche Haftung der MVZ-Geschäftsführung
Seit dem 6. Dezember 2025 ist die NIS-2-Richtlinie in deutsches Recht umgesetzt. Für MVZ ist das keine abstrakte Regulierung – sie hat konkrete Konsequenzen für die Leitungsebene.
Als „wichtige Einrichtung" gilt ein MVZ, wenn es mindestens 50 Mitarbeitende beschäftigt oder einen Jahresumsatz sowie eine Bilanzsumme von jeweils über 10 Mio. € erreicht. In kapitalintensiven Fachrichtungen wie Radiologie, Nuklearmedizin oder Labormedizin können aufgrund des „Oder"-Kriteriums auch Einrichtungen mit weniger als 50 Mitarbeitern betroffen sein. Der Bundesverband MVZ empfiehlt, die Betroffenheit über das BSI zu prüfen und das Ergebnis intern zu dokumentieren.
Was NIS-2 von bisherigen Datenschutzregelungen unterscheidet: Die Geschäftsführung eines MVZ wird nach dem NIS2UmsuCG persönlich in Anspruch genommen – nicht nur die Einrichtung als juristische Person. Bußgelder für wesentliche Einrichtungen können bis zu 10 Mio. € oder 2 % des weltweiten Jahresumsatzes betragen. Der TI-Messenger adressiert direkt eine der zentralen NIS-2-Anforderungen: sichere, verschlüsselte Kommunikation mit nachvollziehbarem Audit-Trail.
Wer also als MVZ-Geschäftsführer heute noch auf WhatsApp-Gruppen oder unverschlüsselte E-Mails für die interne Koordination setzt, trägt dieses Haftungsrisiko bewusst – und kann es im Zweifel nicht auf die IT delegieren.
Technische Voraussetzungen: Was ein MVZ braucht
Die Einstiegshürde ist niedriger als viele erwarten – vorausgesetzt, die TI-Anbindung besteht bereits.
- SMC-B-Karte: Die institutionelle Identitätskarte des MVZ. Über sie authentifiziert sich die Einrichtung im TI-Messenger und stellt den Zugang für alle autorisierten Mitarbeitenden bereit. Bei Multi-Standort-MVZ sollte geprüft werden, ob pro Standort eine eigene SMC-B benötigt wird.
- eHBA (elektronischer Heilberufsausweis): Ärzte registrieren sich zusätzlich mit ihrem persönlichen eHBA, um im bundesweiten Verzeichnisdienst als individuelle Leistungserbringer auffindbar zu sein.
- TI-Anbindung: Eine bestehende Verbindung zur Telematikinfrastruktur ist Voraussetzung. Einrichtungen, die ohnehin im Zuge der ePA-Pflicht ihre TI-Infrastruktur modernisieren, können den TI-Messenger mit geringem Zusatzaufwand einführen.
- Endgeräte: Der TI-Messenger läuft auf iOS, Android, als Web-App und Desktop-App. BYOD (Bring Your Own Device) ist möglich – ohne Zugriff auf das private Adressbuch, mit separater Datenbasis und unterbundenen Screenshots.
Bei Famedly zeigt die Erfahrung aus dem Rollout an der Medizinischen Hochschule Hannover: Die technische Einrichtung ist nicht die Hürde. Die MHH hat den Messenger in der Cloud aufgesetzt und an das bestehende Identitätsmanagement angebunden – der eigentliche Aufwand lag in der frühzeitigen Einbindung von Datenschutz, Betriebsrat und Verwaltung. Wer diese Stakeholder von Anfang an mitnimmt, spart Zeit beim Rollout.
Rollout im MVZ: Wie die Einführung in der Praxis funktioniert
Ein MVZ ist kein Krankenhaus – aber auch keine Einzelpraxis. Die Einführung des TI-Messengers sollte das berücksichtigen.
Bewährt hat sich ein dreistufiger Ansatz:
- Pilot mit einer Fachrichtung oder einem Standort: Nicht das gesamte MVZ auf einmal umstellen. Mit einem Team starten, Erfahrungen sammeln, Akzeptanz dokumentieren. Die MHH hat mit der Dermatologie begonnen – nach wenigen Wochen forderten Anästhesie und OP-Teams den Messenger von sich aus an.
- Interne Skalierung: Auf Basis der Piloterfahrungen weiteren Fachrichtungen und Standorten ausrollen. Dabei Nutzerverwaltung, Gruppenstruktur und Kommunikationsregeln zentral definieren.
- Externe Vernetzung: Im letzten Schritt die sektorenübergreifende Kommunikation aktivieren – mit Zuweisern, Apotheken, dem Trägerkrankenhaus oder Pflegediensten. Hier entfaltet der TI-Messenger seinen vollen Mehrwert.
Beim Seniorendienst Rötzel – einem ambulanten Pflegedienst, der Famedly seit 2023 einsetzt – hat dieser schrittweise Ansatz zu messbaren Ergebnissen geführt: ca. 90 % der Kommunikation ist heute dokumentiert, ca. 50 % weniger Personen sind an einzelnen Kommunikationsvorgängen beteiligt, Reaktionszeiten haben sich spürbar verkürzt.
Diese Zahlen sind spezifisch für den Seniorendienst Rötzel – aber sie zeigen, was strukturierte, dokumentierte Kommunikation in der Praxis bewirken kann.
Checkliste: Ist Ihr MVZ bereit für den TI-Messenger?
Mit den folgenden Fragen können Sie klären, wie viele Schritte noch notwendig wären, um mit dem TI-Messenger zu starten.
- SMC-B-Karte für alle Standorte vorhanden oder beantragt?
- eHBA für alle im MVZ tätigen Ärzte vorhanden oder beantragt?
- TI-Anbindung (Konnektor oder TI-Gateway) aktiv und aktuell?
- NIS-2-Betroffenheit geprüft und dokumentiert?
- Datenschutzbeauftragter in die Planung eingebunden?
- Betriebsrat (falls vorhanden) frühzeitig informiert?
- Pilotfachrichtung oder Pilotstandort identifiziert?
- Aktuell genutzte Kommunikationskanäle (WhatsApp, Fax, interne Telefonie) auf Compliance-Risiken bewertet?
- PVS-Anbieter auf TI-Messenger-Integrationspläne angesprochen?
Wer den TI-Messenger für sein MVZ evaluiert, kann mit Famedly einen kostenfreien TI-Check vereinbaren – eine 30-minütige Bedarfsanalyse, die die konkrete Ausgangssituation des MVZ berücksichtigt und einen realistischen Einführungsplan skizziert.
Häufige Fragen zum TI-Messenger für MVZ
Ist der TI-Messenger für MVZ verpflichtend?
Ja, ab 2026 ist der TI-Messenger für alle medizinischen Einrichtungen mit TI-Anbindung verpflichtend. MVZ, die ohnehin ihre TI-Infrastruktur modernisieren – etwa im Zuge der ePA-Pflicht oder des Konnektortauschs – können den TI-Messenger mit geringem Zusatzaufwand einführen. Die genauen Sanktionsmechanismen bei Nichteinhaltung sind noch in der Konkretisierung; der regulatorische Druck durch NIS-2 und DSGVO besteht unabhängig davon bereits heute.
Braucht jeder MVZ-Standort eine eigene SMC-B?
In der Regel ja. Jeder Standort, der als eigenständige Einrichtung im Verzeichnisdienst der gematik geführt wird, benötigt eine eigene SMC-B-Karte. Bei der Planung des Rollouts sollte dieser Punkt frühzeitig mit dem TI-Messenger-Anbieter und dem zuständigen IT-Dienstleister geklärt werden.
Können auch MFA und Verwaltungsmitarbeiter den TI-Messenger nutzen?
Ja. Über die SMC-B der Einrichtung können alle autorisierten Mitarbeitenden – also auch MFA, Verwaltung und Pflegekräfte – den TI-Messenger nutzen. Sie sind dann unter dem Institutionskonto erreichbar, nicht als individuelle Leistungserbringer im Verzeichnisdienst. Ärzte können sich zusätzlich mit ihrem eHBA persönlich registrieren und sind dann auch direkt auffindbar.
Was passiert, wenn wir weiterhin WhatsApp nutzen?
WhatsApp verarbeitet Metadaten auf Servern außerhalb der EU und greift auf das Adressbuch des Geräts zu – beides ist mit der DSGVO für den Austausch von Patientendaten nicht vereinbar. Die Datenschutzkonferenz hat die Nutzung von WhatsApp für die Übermittlung von Gesundheitsdaten als nicht rechtskonform eingestuft.
Für MVZ, die unter NIS-2 fallen, kommt die persönliche Haftung der Geschäftsführung hinzu. Ein dokumentierter Datenschutzverstoß kann Bußgelder im fünf- bis sechsstelligen Bereich nach sich ziehen – unabhängig davon, ob der Verstoß absichtlich war.
Wie lange dauert die Einführung des TI-Messengers im MVZ?
Die technische Einrichtung ist bei bestehender TI-Anbindung in wenigen Tagen erledigt. Der eigentliche Zeitaufwand liegt in der organisatorischen Vorbereitung: Einbindung von Datenschutz, Betriebsrat und Verwaltung, Definition der Kommunikationsregeln und Gruppenstruktur, Onboarding der Mitarbeitenden. Erfahrungsgemäß dauert ein strukturierter Pilotstart mit einer Fachrichtung vier bis acht Wochen von der Entscheidung bis zum produktiven Betrieb.
Der anschließende interne Rollout auf weitere Standorte und Fachrichtungen kann dann deutlich schneller erfolgen, weil Prozesse und Akzeptanz bereits etabliert sind.
Lässt sich der TI-Messenger in unser Praxisverwaltungssystem integrieren?
Die Integration des TI-Messengers in PVS-Systeme ist ein aktives Entwicklungsfeld. Erste Anbieter arbeiten daran, eingehende Nachrichten und Dokumente direkt in der Patientenakte abzulegen und Chaträume fallbasiert zu erstellen.
Famedly hat bereits mehrere erfolgreiche IT-Integrationen in Klinik-Informationssysteme umgesetzt und bringt diese Erfahrung auch in den MVZ-Kontext ein. Beim Evaluierungsgespräch sollte der aktuelle Integrationsstand mit dem jeweiligen PVS-Anbieter konkret abgefragt werden.